Was wir vom Seefelder Wildragout aus Ungarn lernen können

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Tirol-Berg als kulinarischer Benchmark der Zukunft?!

Jetzt, nachdem die Ski-WM 2017 von St. Moritz und die kulinarische Empörung um das Seefelder Wildragout aus Ungarn weit genug in die Ferne gerückt ist, möchte ich für meine Kunden und Leser aus zeitlicher Distanz den Versuch wagen, etwas Positives daraus zu destillieren.

Wenn ein Wildragout mit der Strahlkraft der starken Marke eines Tiroler Ortes auf der Speisekarte im Tirol-Berg angeboten wird, darf man als geladener Gast davon ausgehen, dass dort, wo Tirol drauf steht, auch Tirol drinnen ist. Es war ein implizites Versprechen, dass natürlich auch das Wild aus Tirol kommt und nicht nur die Art der Zubereitung oder gar nur die Verpackung. Letzteres wäre jener Typus von Schwindelei, der inmitten des digitalen Zeitalters wohl kaum eine nachhaltige Überlebenschance hätte, denn in Tripadvisor, Holidaycheck, facebook oder google eine Kundenstimme zu veröffentlichen geht gleich schnell wie ein SMS zu schreiben.

Drei Gedanken scheinen mir erwähnenswert. 

Erstens: Storytelling. DAS Thema seit Jahren hätte hier eine große Bühne gehabt. Tirol, die Berge, das Wild, die Wälder oder eben Seefeld und das Image unserer Region. Eine Menge Stoff, der nur darauf wartet, dass daraus eine Story geschmiedet wird. Offensichtlich wurde und wird das ziemlich vernachlässigt oder gar völlig vergessen. Wer stattdessen mit einer un- oder halbwahren Angabe aufwartet, zieht jeder möglichen Story, die überzeugen könnte, sofern sie ehrlich ist, den Boden unter den Füßen weg. Den negativen Storys der Medien war das hingegen ein willkommenes Futter.

Ähnlich kontraproduktiv ist, dass dieser „Wir-tun-nur-so-als-ob-Modus“ auf die Motivation der Mitarbeiter wirkt. Wer mit einer Mogelpackung vor den Gast hinzutreten hat, den er auch noch als König behandeln sollte, kommt ja nicht daran vorbei, sich jeden Abend zumindest unbewusst missbraucht zu fühlen. Man nimmt damit den Mitarbeitern den  Stolz auf das Produkt und die Loyalität zur Branche und zum Dienstgeber. Deshalb muss zweitens gelten: nur wenn wir ehrliche Produkte anbieten, werden wir dem gerecht, was wir von uns selbst behaupten. Alles andere ist die Degeneration unserer eigenen Glaubwürdigkeit und somit unserer Selbstachtung.

Punkt drei: Wer in diesem Kontext mogelt, beleidigt den Markenkern von „Tirol“. Noch mehr,  es ist die Demontage dessen, wofür wir eine Legitimation hätten, einen zurecht hohen Preis zu erhalten und Wert zu schöpfen. Wer hohe Preise durch gute Qualität durchzusetzen schafft, erspart sich das Experiment nur durch Expansion erfolgreich zu werden.

Und viertens: Ein spannender Versuch bei der nächsten Großveranstaltung wäre natürlich – neben hervorragenden Tiroler Spezialitäten – ein echtes Budapester Wildragout aus Ungarn anzubieten, das den EU-Lebensmittelstandards entspricht, sofern diese zur Ehrlichkeit dem Konsumenten gegenüber verpflichtet sind und nicht einem maßgeblich von hyperaktiven, neoliberalen Lobbyisten beeinträchtigten Gesetz oder Abkommen gerecht zu werden hat. An diesem Ansatz werden wir wegen der zu geringen Lebensmittelressourcen, die Tirol zu bieten hat, insbesondere außerhalb des Tirol-Berges und während den Hochsaisonen nicht vorbeikommen. Und: Tirol würde sein Bekenntnis als Region von Europa und somit auch seine „Kompetenz International“ zusätzlich unter Beweis stellen.

So könnte der großartige Tirol-Berg künftig auch als Benchmark für glaubwürdiges Kulinarium wahrgenommen werden, sofern das, was darin angeboten wird, dem Niveau entspricht, was Tirol in seinem eigenen Qualitätsanspruch erwarten lässt. Alles andere ist, wie erwähnt, eine Schwindelei, die im Zeitalter der sozialen Medien unweigerlich aufgedeckt wird.

Wenn wir den „Wir-tun-nur-so-als-ob-Modus“ zur Routine machen, verspielen wir nicht nur unser hervorragendes Image, sondern auch die über Jahrzehnte hindurch kumulierte Qualität, das Erbe unserer Pioniere und unsere größte Stärke, die wir bei Gott nicht dem inflationären „Mehr-vom-mittelmäßig-Gleichen“ aussetzen dürfen. Das wäre ein fataler Strategiefehler. Der taktische Fehler von St. Moritz war diesbezüglich ein wichtiger Schuss vor den Bug. Oder eben auch „nützlich“, wie Joe Magreiter, der Direktor der Tirol Werbung, zurecht in der „SAISON 01/17“ schreibt.

Stefan Schranz

TIPP:

Halten Sie, was Sie Ihren Kunden versprechen. Seien Sie ehrlich, oder lassen Sie es bleiben!


Ergänzung 1 – 201704:
In seinem einzigen Interview zum 30-Jahr-Jubiläum der Weltmarke Red Bull sagt Firmenchef Dietrich Mateschitz:

Fragen von meinepaper.kleinezeitung.at:

Wie oft halten Sie Nachschau in Ihren Betrieben?

Mateschitz:

Immer wieder. Da kann es schon vorkommen, dass mir das eine oder andere auffällt. Da stellt einer die Menükarte zusammen und schreibt hinein: „Hirsch aus eigener Jagd“. Und dann steht hinten in der Küche der 25-Kilo-Kanister mit der Aufschrift „Hirschragout“. Dann ist Schluss mit lustig…


Ergänzung 2 – 201710:
Ein Bezirksbauernchef  ist am Donnerstag von sämtlichen Funktionen im Tiroler Bauernbund und der Tiroler Landwirtschaftskammer zurückgetreten. Er lieferte nach Engpässen auf seinem Bauernhof dem Bezirkspflegeheim Reutte, das großen Wert auf Regionalität legt, statt Eiern aus heimischer Freilandhaltung welche aus deutschen Legebatterien. Der Pflege­heimausschuss hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet…

Quelle TT.com. Name wegen Irrelevanz in diesem Kontext entfernt.