Firmenkultur kann man nicht kaufen. #98

Foto-Quelle: Gretl am See

Eine Strategie kann man entwickeln. Stärken/Schwächen, Chancen/Gefahren und Zielkunden etc. können analysiert und Entscheidungen daraus abgeleitet werden. Auch Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufe und exzellente Service-Prozesse können geplant werden. Letztere sind meine Passion.

Aber Firmenkultur bewegt sich in einer völlig anderen Dimension. Kultur ist ein Resultat von allem und auch ein Output von oben genannten Entwicklungen. Kultur per se kann nicht entwickelt werden. Nicht mit viel Geld gekauft werden. Nicht von Unternehmensberatern implementiert oder hineingecoacht werden. Kultur muss von den Menschen, die zusammenarbeiten, gelebt werden. Nur dann wirkt sie nachhaltig, echt und ehrlich. Nur dann funktioniert sie und ermöglicht Spitzenleistungen, die motivieren und überraschen – Gäste und Kunden, Mitarbeiter und Unternehmer zugleich.

In meiner Neugier habe ich wieder eine Blaupause dazu entdeckt. Ein Unternehmer am Kalterer See, der drei Betriebe führt. Gretl am See, ein „place to meet“, mit großer See-Terrasse, einem Sport- & Mode-Shop, Park, Steg, Pool, Bar und Windsurfschule inklusive. Wir haben um halb9 gefrühstückt, am Abend exzellente Spaghetti mediterran gegessen und zwischendurch, vor dem Windsurfen, einen Caesar Salad und danach selbstgemachtes Eis genossen. Es ist nicht üblich, dass Spaghetti begeistern. Auch der eigenartige Gästemix ist hier ungewöhnlich. Zwischen noblen Damen, lachen coole Jungs, die blödeln, während ein scheinbar wichtiger Business-Man seine noch wichtigeren Telefonate abspult. Alles nebeneinander, auf der See-Terrasse. Es sieht komisch aus, aber komischerweise ist es stimmig.

Der zweite Betrieb, ein alter Weinhof aus dem 16. Jahrhundert. Wenn man unwissend daran vorbeispazieren würde, käme man nicht auf die Idee in dieser „Steinhütte“ Abendessen zu wollen. Aber unsere Vermieterin hat uns den Seehof Keller empfohlen. Man muß am unteren Ende des Gebäudes um die Ecke gehen – auf die Terrasse – und einen Blick in das Innere werfen. Wer Genuss kann und guten Stil wahrnimmt, weiß, hier muß auch die Küche etwas Besonderes sein. Und so war auch dieser Abend ein Momentum, das lange nachwirkt. Vielleicht ein Genuss für Jahre, wenn man das weitererzählt.

Last but not least, das Seehotel Ambach, erbaut 1973, geplant von Othmar Barth (+2010). Als 1961Geborener habe ich ein bleibendes Verhältnis mit den 70er Jahren. Erinnerungen der frühen Jugend werden wach, wenn man durch dieses und um dieses Hotel staunt, weil Formen und Farben, Designs und Stilelemente im Seehotel die Zeit von vor 50 Jahren in neuer Frische wiederbeleben. Im Kopf.

Aber machen Architektur und Hardware, gutes Essen und Windsurfboards auch Kultur? Oder war da etwas anderes? Ein Leverage?

Vielleicht bin ich berufsbedingt übersensibilisiert. Oder es liegt an meiner Lust zu beobachten, wie Menschen zusammenarbeiten. Ein großes Team von jungen Südtirolerinnen – und einige Männer darunter, allesamt außerordentlich engagiert, überzeugend „corona-kompetent“, locker und völlig unaufdringlich freundlich. Unter ihnen ein großer Schlanker mit weißen Haaren. Im Shop scheint er eingesprungen zu sein, vielleicht weil die Verkäuferin auf Mittagspause war. Am Samstag am Abend habe ich ihn in der Küche assistieren gesehen, weil draußen auf der vollbesetzten „Multi-Kulti-Terrasse“ Wochenend-Stimmung in der Luft lag.

Jetzt, während ich in meinem Büro diese Zeilen schreibe, erzählt mir Google, dass der große Schlanke der Chef des Unternehmens ist. „The brain“, wenn man unter die Oberfläche der Websites seiner Betriebe recherchiert. Und ja, „there is one more thing“: dreifacher Windsurfweltmeister war er auch.

Zurück zur Kultur, die man nicht kaufen kann. Man kann Kultur auch nicht kopieren. Man muß das Ganze kapieren. Kultur ist Mind-Set, gelebte Vorbildlichkeit. Tun, was man sagt. Nicht selten auch Understatement. Auch beobachte ich, dass Kultur zB auf Architektur rückwirkt. Und selbstverständlich beeiflußt die Kultur maßgeblich die Service-Qualität. Schlussendlich das, was Gäste und Kunden überrascht und begeistert. Firmenkultur entsteht nicht, wenn sie nur als Dekoration für die Werbung missbraucht wird. Kultur geht nur aufrichtig. Nie halbherzig. Und, um es mit Peter Drucker zu sagen: „Culture eats strategy for breakfast“.

Das Unternehmen dieses großen Schlanken mit den weißen Haaren ist ein Benchmark dazu. Chapeau – Klaus Maran. Grüßen Sie Ihr exzellentes Team!

PRAXIS-TIPP für meine Kunden und Leser/innen, für dich:

Beobachte Menschen, wie sie zusammenarbeiten, wie sie, wenn Hochbetrieb herrscht, miteinander umgehen. Erkunde die Details, die man als normaler Gast kaum wahrnimmt. Und dann: Transferiere die Erkenntnisse für dein Team auf ein Blatt. Ja, vielleicht in ein digitales Handbuch, wodurch neue Mitarbeiter/innen schnell checken, wie dein Unternehmen oder deine Abteilung tickt. Was geschrieben steht, wirkt verbindlicher und kann mit geringem Aufwand skaliert werden.

Gerne kann ich dich und dein Team dabei begleiten, die organisatorische Voraussetzung dafür zu schaffen. 1-2 individuelle Workshop-Tage reichen dafür, um dieses Fundament, auf dem Firmenkultur erst stabil funktionieren kann, zu erschaffen.

Gruß und gsund bleiben – Stefan

Der schranz.blog findet im Kontext meiner beruflichen Tätigkeit als Vortragender für Kundenbegeisterung, Organisations-Entwicklung und Digital-Management – und meinen besonderen Interessen für gesellschaftliche und technische Veränderungen statt.

Vorträge und Seminare von Stefan Schranz – SMS

2 Gedanken zu “Firmenkultur kann man nicht kaufen. #98

  1. … wieder mal ein Blog Beitrag, der mich begeistert, geradlinig, schnörkellos und zielgerichtet auf den Punkt gebracht, so geschrieben, dass ich selbst sofort an den Kalterer See fahren will, geil …

  2. Pingback: Die besten 7+1 von 100 Blogbeiträgen. #100 | SCHRANZ.blog

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